6. Oktober 2026 · Christina
Was ist eigentlich wirklich drin? Über ehrliche Lebensmittel und was ich mir davon wünsche
Ich beschäftige mich jeden Tag mit Lebensmitteln. Ich baue Getreide auf meinen Äckern an, ernte Gemüse in meinem Garten, stelle eigene Produkte her und arbeite mit regionalen Herstellern zusammen. Je intensiver ich mich damit beschäftige, desto mehr erschreckt mich manchmal, wie sehr sich unsere Lebensmittel verändert haben.
Für mich sollte ein Lebensmittel eigentlich etwas Einfaches sein. Mehl entsteht aus Getreide. Öl entsteht aus einer Saat. Ein Aufstrich besteht aus Gemüse, Gewürzen und einigen wenigen weiteren Zutaten. Natürlich braucht es bei manchen Produkten etwas mehr. Aber grundsätzlich möchte ich eine Zutatenliste lesen und verstehen können.
Lebensmittel verändern sich, immer stärker
Genau deshalb finde ich die Entwicklung bei vielen industriell hergestellten Lebensmitteln schwierig. Zutatenlisten werden länger, Herstellungsverfahren komplizierter und aus einfachen Lebensmitteln werden teilweise hochverarbeitete Produkte. Nicht jeder Zusatzstoff ist deshalb automatisch gesundheitsschädlich und nicht alles, was chemisch klingt, ist gefährlich. Trotzdem frage ich mich, warum wir Lebensmittel immer stärker verändern müssen, wenn es auch einfacher geht.
Insekten als Lebensmittel in der EU
Ein aktuelles Beispiel sind Insekten als Lebensmittel. In der EU sind inzwischen verschiedene Insekten beziehungsweise daraus hergestellte Produkte als sogenannte neuartige Lebensmittel zugelassen. Dazu gehören zum Beispiel Acheta domesticus, die Hausgrille, Tenebrio molitor, der Gelbe Mehlwurm, und Alphitobius diaperinus, der Buffalowurm beziehungsweise die Larve des Getreideschimmelkäfers.
Wer diese Namen nicht kennt, erkennt beim schnellen Lesen einer Zutatenliste möglicherweise nicht sofort, was sich dahinter verbirgt. Bei Hausgrillen kann beispielsweise eine Bezeichnung wie „teilweise entfettetes Pulver aus Acheta domesticus (Hausgrille)" auftauchen. Wichtig ist mir dabei eine faire Darstellung. Die Hersteller dürfen solche Zutaten nicht einfach verschweigen. Für zugelassene Insektenprodukte gibt es konkrete Kennzeichnungsvorgaben und teilweise zusätzliche Hinweise auf mögliche allergische Reaktionen.



Wie weit wir uns von einfachen Lebensmitteln entfernt haben
Trotzdem zeigt dieses Beispiel für mich sehr gut, wie weit wir uns teilweise von einfachen Lebensmitteln entfernt haben. Ich möchte beim Einkaufen nicht erst Fachbegriffe recherchieren müssen, um zu verstehen, was ich esse.
Und dabei geht es mir überhaupt nicht nur um Insektenpulver. Es geht um Aromen, Farbstoffe, Süßungsmittel, Emulgatoren, Stabilisatoren und all die technologischen Möglichkeiten, mit denen Lebensmittel heute hergestellt werden können. Manche davon erfüllen einen sinnvollen Zweck und zugelassene Zusatzstoffe sind nicht automatisch gefährlich. Aber nur weil etwas erlaubt ist, muss ich es persönlich noch lange nicht in meinem Essen haben wollen.
Ich finde es schlimm, wie sich manche Lebensmittel mittlerweile verändert haben. Geschmack, Farbe, Konsistenz und Haltbarkeit können technisch beeinflusst werden. Am Ende entsteht teilweise ein Produkt, das mit seinem ursprünglichen Lebensmittel nur noch wenig gemeinsam hat.
Mein einfacher Grundsatz
Ich persönlich glaube, dass wir unserem Körper damit keinen Gefallen tun, wenn ein großer Teil unserer Ernährung dauerhaft aus stark verarbeiteten Produkten besteht. Dabei möchte ich bewusst nicht behaupten, dass jeder Zusatzstoff krank macht. So einfach ist Ernährung nicht. Aber für mich gilt ein sehr einfacher Grundsatz. Je weniger unnötig an einem Lebensmittel verändert wurde und je besser ich seine Zutaten nachvollziehen kann, desto lieber esse ich es.
Auch wissenschaftliche Ernährungsempfehlungen gehen grundsätzlich in diese Richtung. Eine gesunde Ernährung basiert vor allem auf abwechslungsreichen, nährstoffreichen Lebensmitteln wie Gemüse, Obst, Hülsenfrüchten und Vollkornprodukten. Stark verarbeitete Lebensmittel mit viel Zucker, Salz oder ungünstiger Fettzusammensetzung sollten dagegen nicht den Mittelpunkt unserer täglichen Ernährung bilden.
Früher anfangen, statt später behandeln
Und dann gibt es noch einen Punkt, der mir persönlich besonders wichtig ist. Ich finde es schade, dass wir uns gesellschaftlich oft erst mit unserer Gesundheit beschäftigen, wenn etwas nicht mehr stimmt. Dann erwarten wir schnell eine Tablette, ein Medikament oder eine andere Behandlung.
Bitte versteht mich dabei nicht falsch. Medikamente sind wichtig. Sie können Krankheiten behandeln, Beschwerden lindern und Leben retten. Niemand sollte notwendige Medikamente wegen eines Lebensmittelversprechens absetzen oder eine medizinische Behandlung durch Ernährung ersetzen.
Aber ich wünsche mir, dass wir viel früher anfangen.
Was esse ich jeden Tag? Woher kommen meine Lebensmittel? Wie stark wurden sie verarbeitet? Wie viel Gemüse, Vollkorn, Hülsenfrüchte und andere natürliche Lebensmittel esse ich? Wie viel Zucker, Salz und stark verarbeitete Produkte brauche ich wirklich?
Gesunde Ernährung kann nicht jede Krankheit verhindern und sie ersetzt keinen Arzt. Aber Ernährung gehört zu den Dingen, die wir jeden einzelnen Tag selbst beeinflussen können. Deshalb finde ich es schade, wenn wir diesem Bereich so wenig Aufmerksamkeit schenken und gleichzeitig selbstverständlich akzeptieren, später gesundheitliche Probleme ausschließlich medizinisch lösen zu wollen.
Regionalität schafft Nähe und Transparenz
Regionalität ist für mich dabei ebenfalls wichtig. Nicht weil ein Lebensmittel automatisch gesund ist, nur weil es aus dem Saarland kommt. Ein regionaler Schokokuchen bleibt ein Schokokuchen. Aber Regionalität schafft etwas, das mir mindestens genauso wichtig ist, nämlich Nähe und Transparenz.
Ich kann Dir erzählen, wo mein Getreide gewachsen ist. Ich kann Dir zeigen, wie ich auf meinen Äckern arbeite. Bei meinem Gemüse weiß ich, was in meinem Garten passiert ist. Bei vielen Produkten in meinem Laden kenne ich die Menschen, die sie herstellen. Ich kann nachfragen, wie produziert wurde und warum bestimmte Zutaten verwendet wurden.
Genau das möchte ich mit meinem Laden erreichen. Keine Lebensmittelwelt voller Geheimnisse, sondern Lebensmittel, die wieder verständlicher werden.
In meinen eigenen Produkten
Wenn Du bei mir Mehl kaufst, möchte ich Dir sagen können, welches Getreide darin steckt und wo es gewachsen ist. Wenn Du eines meiner Öle kaufst, möchte ich Dir erklären können, aus welcher Saat es gepresst wurde. Und wenn ich ein verarbeitetes Produkt herstelle, möchte ich die Zutaten so auswählen, dass ich selbst dahinterstehen kann.
In meinen eigenen Produkten findest Du deshalb kein Insektenpulver. Ich möchte auch keine unnötigen künstlichen Zusatzstoffe einsetzen, nur damit ein Produkt anders aussieht, intensiver schmeckt oder möglichst lange unverändert bleibt. Ich möchte möglichst klare Zutaten und Lebensmittel herstellen, die ich selbst mit gutem Gefühl essen kann.
Das bedeutet für mich ehrliche Ernährung.
Die Packung umdrehen
Vielleicht sollten wir beim Einkaufen wieder häufiger die Packung umdrehen. Nicht nur auf Kalorien und Preis schauen, sondern auf die Zutaten. Und wenn wir einen Begriff nicht kennen, dürfen wir ruhig fragen, was sich dahinter verbirgt.
Noch besser finde ich Lebensmittel, bei denen diese Frage gar nicht erst kompliziert wird.
Ein Korn von meinen Äckern braucht keine komplizierte Geschichte auf seiner Zutatenliste. Eine Karotte aus meinem Garten muss nicht erklären, warum sie orange ist. Und ein kalt gepresstes Öl braucht keine lange Liste mit Stoffen, die den Geschmack erzeugen sollen.
Das ist die Lebensmittelwelt, die ich mir wünsche.
Ein Gemeinschaftsprojekt
Und genau deshalb ist mein Laden für mich mehr als eine Verkaufsstelle. Er ist ein Gemeinschaftsprojekt. Wenn wir auch in Zukunft regionale Hersteller, kleine Strukturen, transparente Produktion und ehrliche Lebensmittel haben möchten, müssen wir diese Strukturen gemeinsam erhalten.
Jeder Einkauf ist deshalb auch eine Entscheidung. Du entscheidest mit, ob Lebensmittel aus unserer Region eine Zukunft haben. Du entscheidest mit, ob Menschen weiterhin bereit sind, Lebensmittel mit viel Aufwand und Überzeugung herzustellen.
Ich kann anbauen, ernten, mahlen, pressen, kochen und neue Produkte entwickeln. Die vielen regionalen Hersteller in meinem Laden können mit genauso viel Leidenschaft ihre Lebensmittel herstellen.
Aber funktionieren kann dieses Konzept nur gemeinsam mit Euch.
Und vielleicht beginnt gesunde Ernährung manchmal mit einer ganz einfachen Frage:
Was ist eigentlich wirklich drin?
Leckere, ehrliche Grüße
Deine Christina
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