26. August 2026 · Christina
Was klebt denn da auf meinem Zewa? Die Tomatenernte von morgen

Was klebt denn da auf meinem Zewa?
Auf meinem Tisch liegen gerade zahlreiche Stücke Zewa Papier. Darauf kleben viele winzige Kerne, sorgfältig nach Sorten getrennt. Besonders spektakulär sehen sie noch nicht aus. Trotzdem steckt in jedem einzelnen Korn bereits die Hoffnung auf den nächsten Sommer.
Es sind meine selbst gewonnenen Tomatensamen. Sie stammen aus den schönsten Früchten, die in meinem Garten gewachsen sind. Für mich endet die Tomatensaison nämlich nicht mit der letzten Ernte. Mit der Auswahl und dem Trocknen der Samen beginnt bereits die nächste.

Warum ich nur samenfeste Tomaten verwende
In meinem Garten wachsen ausschließlich samenfeste Tomatensorten. Das bedeutet, dass ich aus ihren Früchten Saatgut gewinnen und daraus im kommenden Jahr wieder Pflanzen mit ähnlichen Eigenschaften ziehen kann.
Bei vielen F1 Hybriden funktioniert das nicht zuverlässig. Ihre Samen können zwar keimen, die nächste Generation spaltet sich jedoch genetisch auf. Die neuen Pflanzen können dann deutlich andere Eigenschaften besitzen als die ursprüngliche Tomate. Form, Farbe, Geschmack, Reifezeit und Widerstandsfähigkeit sind nicht mehr sicher vorhersehbar.
Samenfeste Sorten ermöglichen dagegen einen natürlichen Kreislauf. Ich säe eine Sorte aus, beobachte sie, ernte ihre Früchte und gewinne daraus mein Saatgut für das kommende Jahr. Ich muss also nicht jedes Frühjahr wieder vollständig von vorne anfangen.
Das Bundesinformationszentrum Landwirtschaft beschreibt Saatgut deshalb auch als Kulturgut. Samenfeste Sorten lassen sich weitervermehren, bewahren Vielfalt und können durch eine gezielte Auswahl über viele Generationen an bestimmte Anbaubedingungen angepasst werden.
Mein Garten wird zum kleinen Sortenversuch
Eine Tomate wächst nicht nur aufgrund ihrer Genetik gut oder schlecht. Entscheidend ist immer das Zusammenspiel aus Sorte, Boden, Wetter, Standort und Pflege.
Eine Pflanze muss in meinem Garten mit den Bedingungen zurechtkommen, die sie hier tatsächlich vorfindet. Dazu können ein kühles Frühjahr, feuchte Sommerwochen, lange Trockenphasen, heiße Tage, kühle Nächte oder starke Temperaturschwankungen gehören. Auch die Bodenbeschaffenheit, die Sonneneinstrahlung, der Wind und die Feuchtigkeit am Morgen spielen eine Rolle.
Eine Sorte, die an einem anderen Ort hervorragend wächst, muss deshalb nicht automatisch die beste Sorte für meinen Garten sein. Umgekehrt kann eine eher unbekannte Tomate bei mir besonders gesund bleiben, früh reifen und geschmackvolle Früchte hervorbringen.
Dass Sorten unterschiedlich auf ihre Umgebung reagieren, ist gut untersucht. In einer wissenschaftlichen Untersuchung mit samenfesten Tomatensorten wurden verschiedene Genotypen an sechs Standorten über zwei Jahre angebaut. Dabei hatten sowohl die Genetik als auch die Umwelt und besonders ihr Zusammenspiel einen deutlichen Einfluss auf Ertrag und Stabilität.
Genau dieses Zusammenspiel beobachte ich in meinem Garten, natürlich in einem viel kleineren Maßstab.
Wie sich Tomaten an meinen Standort anpassen können
Die Anpassung geschieht nicht dadurch, dass eine einzelne Tomatenpflanze das Wetter erlebt und diese Erfahrung einfach in ihre Samen schreibt. So schnell und direkt funktioniert Genetik nicht.
Eine echte lokale Anpassung entsteht durch Auswahl über mehrere Generationen. Innerhalb einer samenfesten Sorte können kleine erbliche Unterschiede vorhanden sein. Hinzu kommen gelegentliche natürliche Veränderungen und selten auch Einkreuzungen. Wenn ich immer wieder Saatgut von den Pflanzen gewinne, die unter meinen Bedingungen besonders gut wachsen, gebe ich deren Eigenschaften eine größere Chance, in den folgenden Generationen erhalten zu bleiben.
Mit den Jahren kann daraus eine eigene, lokal ausgewählte Linie entstehen. Sie ist nicht plötzlich gegen jedes Wetter oder jede Krankheit geschützt. Sie kann aber zunehmend Eigenschaften vereinen, die sich in meinem Garten bewährt haben.
Die Stärke dieses Weges liegt nicht in einem schnellen Wunder. Sie liegt in der Geduld, in der Beobachtung und in der stetigen Auswahl.
Die schönste Frucht allein reicht nicht aus
Eine große, gleichmäßige und aromatische Tomate ist natürlich ein guter Anfang. Für eine sinnvolle Saatgutauswahl reicht es aber nicht, nur die Frucht anzuschauen.
Die Mutterpflanze ist mindestens genauso wichtig. War sie von Beginn an kräftig? Ist sie gut angewachsen? Hat sie früh Früchte angesetzt? Ist ihr Laub auch in feuchten Wochen lange gesund geblieben? Wie hat sie auf Hitze oder weniger Wasser reagiert? Hat sie zuverlässig getragen und haben die Tomaten wirklich gut geschmeckt?
Deshalb lohnt es sich, interessante Pflanzen schon während des Sommers zu markieren und kleine Notizen zu machen. So kann ich später nicht nur die schönste Tomate auswählen, sondern die beste Frucht von einer insgesamt gesunden und leistungsfähigen Pflanze.
Fachleute empfehlen außerdem, Saatgut möglichst nur von gesunden Pflanzen und von mehreren typischen Pflanzen derselben Sorte zu gewinnen. Dadurch wird vermieden, dass zufällige Schwächen weitervermehrt werden. Die University of Minnesota empfiehlt ebenfalls, besonders kräftige Pflanzen mit gut schmeckenden Früchten auszuwählen und schwache oder untypische Pflanzen nicht für die Saatgutgewinnung zu verwenden.

Vom Fruchtfleisch auf das Zewa Papier
Für meine Samengewinnung lasse ich ausgewählte Tomaten vollständig ausreifen. Danach öffne ich die Frucht, entnehme die Kerne und verteile sie auf Zewa Papier. Dort können sie in Ruhe trocknen.
Diese einfache Methode ist keineswegs nur eine improvisierte Lösung. Auch das Bundesinformationszentrum Landwirtschaft beschreibt das Ausstreichen der Tomatensamen auf Küchenpapier als Möglichkeit zur Saatgutgewinnung.
Wichtig ist, dass die Samen wirklich gut durchtrocknen. Feuchtigkeit ist während der Lagerung ihr größter Feind. Anschließend sortiere ich sie in kleine Tütchen ein und beschrifte jede Tüte mit der Sorte und dem Erntejahr. Zusätzlich kann ich festhalten, von welcher Pflanze das Saatgut stammt und welche Eigenschaften mir besonders aufgefallen sind.
Gut getrocknete Tomatensamen können mehrere Jahre keimfähig bleiben. Kühl, trocken und dunkel gelagert entsteht so nach und nach meine eigene kleine Saatgutreserve. Einige Samen kann ich bereits im nächsten Frühjahr verwenden, andere bleiben als Sicherheit erhalten.
Tomaten machen es mir etwas leichter
Tomaten sind für die eigene Saatgutgewinnung besonders geeignet, weil sich ihre Blüten überwiegend selbst bestäuben. Dadurch bleibt eine samenfeste Sorte meistens recht zuverlässig erhalten.
Ganz ausgeschlossen ist eine Kreuzung mit einer anderen Tomatensorte allerdings nicht. Insekten können Pollen übertragen, besonders wenn verschiedene Sorten dicht nebeneinander blühen. Möchte ich eine Sorte möglichst rein erhalten, kann ich ausgewählte Blütenstände rechtzeitig schützen und markieren.
Manchmal kann eine zufällige Kreuzung aber auch etwas Spannendes hervorbringen. Dann entstehen möglicherweise Früchte mit neuen Farben, Formen oder Geschmacksrichtungen. Wer daraus gezielt weiter Saatgut gewinnt und über mehrere Jahre auswählt, kann langfristig sogar eine eigene Linie entwickeln. Für die zuverlässige Erhaltung einer bekannten Sorte und für die Entwicklung von etwas Neuem braucht es allerdings unterschiedliche Vorgehensweisen.
Nachhaltigkeit beginnt vor der Ernte
Wenn wir über nachhaltige Lebensmittel sprechen, denken wir meistens an kurze Wege, eine umweltschonende Erzeugung und eine gute Verarbeitung. Doch Nachhaltigkeit beginnt schon viel früher, nämlich beim Saatgut.
Der größte Wert meiner eigenen Saatgutgewinnung liegt nicht in der eingesparten Samentüte. Viel wichtiger ist, dass eine Sorte lebendig bleibt. Sie liegt nicht nur irgendwo eingelagert, sondern wächst jedes Jahr weiter, wird beobachtet, gegessen und wieder vermehrt.
Die Welternährungsorganisation FAO bezeichnet diese Form als Erhaltung am Standort. Kulturpflanzen bleiben dort lebendig, wo sie genutzt werden und ihre besonderen Eigenschaften entwickeln. Genetische Vielfalt bildet dabei eine wichtige Grundlage, damit Pflanzen auch künftig auf veränderte Bedingungen reagieren können.
Mit jeder samenfesten Sorte bleibt ein Stück Vielfalt erhalten. Unterschiedliche Farben, Formen, Reifezeiten und Geschmacksrichtungen verschwinden nicht zugunsten einiger weniger Einheitssorten. Gerade bei Tomaten wird sichtbar und schmeckbar, wie reich diese Vielfalt sein kann.
Ein kleines Stück Unabhängigkeit
Eigenes Saatgut macht mich nicht vollkommen unabhängig von Wetter, Krankheiten oder einem möglichen Ernteausfall. Das wäre kein ehrliches Versprechen. Eine gute Saatgutreserve und sorgfältige Aufzeichnungen geben mir aber mehr Sicherheit und mehr Entscheidungsfreiheit.
Ich kann selbst bestimmen, welche Sorten ich weitervermehre. Ich kann diejenigen erhalten, die mir besonders gut schmecken und in meinem Garten zuverlässig wachsen. Ich bin nicht jedes Jahr darauf angewiesen, dass genau diese Sorten noch angeboten werden.
Unabhängigkeit bedeutet für mich dabei nicht Abschottung. Der Austausch von Saatgut, Erfahrungen und neuen Sorten ist wertvoll. Vielfalt entsteht schließlich auch durch Gemeinschaft. Entscheidend ist, dass ich die Fähigkeit und das Wissen behalte, mein eigenes Saatgut zu gewinnen.
Was Dein Einkauf damit zu tun hat
Die Arbeit hinter regionalen Lebensmitteln beginnt lange vor der Ernte. Sie steckt im Beobachten, Ausprobieren, Auswählen, Beschriften und Aufbewahren. Viele dieser kleinen Arbeitsschritte sieht man später am fertigen Produkt nicht mehr.
Wenn Du bewusst regional einkaufst, unterstützt Du deshalb nicht nur eine einzelne Tomate oder ein Glas mit einem verarbeiteten Produkt. Du hilfst dabei, dass solche Kreisläufe weitergeführt werden können. Du gibst kleinen, vielfältigen und ehrlichen Projekten eine Zukunft.
Aus einigen unscheinbaren Körnern auf Zewa Papier können im nächsten Jahr viele kräftige Pflanzen und aromatische Früchte entstehen. Für mich ist genau das echte Nachhaltigkeit. Wissen bewahren, Vielfalt erhalten, Verantwortung übernehmen und nicht alles jedes Jahr neu kaufen müssen.
Meine Tomatenernte von morgen beginnt also nicht erst mit der Aussaat im Frühjahr. Sie beginnt heute, mit den schönsten Früchten aus meinem Garten und vielen kleinen Samenkörnern auf dem Küchenpapier.
Leckere, ehrliche Grüße
Deine Christina
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